1879-1918

Stichpunkte:
1879 Übergang zur industriellen Fertigung durch Kauf einer Ziehpresse und gasbefeuerten Gasöfen (110 Mitarbeiter)
1880 Eintragung der Schutzmarke (130 Mitarbeiter)
1881 Verdopplung der Produktion, Eisenbahnanschluß, neue Dampfmaschine und Pressen
1883 Knowhow Verkauf nach Habermann (Amerika)
1886 Klage über Wettbewerb im Inland, Entscheidung Export zu fördern
1892 Gründer Christian verstirbt (1.500 Mitarbeiter)
1897 Besuch Prinz Ludwig Ludwig III
1900 Exportanteil 70%  (2.000 Mitarbeiter), Krise durch Kohlearbeiterausstand und durch Schutzzölle
1905 größte Ausdehnung (2.600 Mitarbeiter) jetzt Niederlassung in Amerika
1910 Handelseinschränkung durch Schutzzölle in Österreich-Ungarn und Skandinavien
1912 Erste Entlassungen steigende Rohstoff- und Lohnkosten, gleichzeitig Unruhen in Persien und China, Balkankrise

1879 stellt den Übergang von der Manufaktur in eine industrielle Fertigung dar - es wurde eine Ziehpresse aus Amerika gekauft. Die Presse kostete ab Werk 16.000 Mark (Jahresdurchschnittslohn war 1884 635M also etwa 25 durchschnittliche Jahresgehälter) - eine “riesige Investition”. Außerdem genügte die kleine Dampfmaschine nicht mehr. Am 28.5.1879 wurde vom Magistrat eine Dampfmaschine von 30PS genehmigt. Durch das Produktionsverfahren Ziehen (anstatt Falzen) konnten die Gefäße in einem Arbeitsgang produziert werden. Die Waren sehen besser aus und sind haltbarer. Diese Investition war ein echter Technologiesprung. Die Presse ersetzte 3 Arbeitsschritte durch einen.
Das Tiefziehen wurde 1846 von den Franzosen Japy erfunden - wirklich einsatzfähig wurde es erst nach 1865, da jetzt biegsame Bleche durch das Bessemer oder Siemens-Martin-Verfahren auf dem Markt kamen, die beim Ziehen nicht rissen. Die Maschinen hierfür wurden in Amerika entwickelt und später in Europa nachgebaut, zb Firma Braun&Kress in Hainsberg. Zuerst wurden die Werkzeuge auch dort hergestellt, später wurden diese bei Baumann selbst gebaut.

Bis zuletzt lief eine der uralten Ziehpressen (Baujahr 1883). Die Presse war inzwischen auf elektrischen Antrieb umgebaut worden, aber man konnte noch die Räder für die Transmission zur Dampfmaschine sehen).
In meinem Praktikum 1975 musste ich noch die Presse einstellen! Links ist Herr Maler, rechts die Person rechts oben bin ich ..

1879 gibt es noch eine zweite sehr wichtige technische Entwicklung: die Emaillierofen wurden auf Gasbefeuerung umgestellt durch den Zivilingenieur Meiser. Dadurch konnten die Öfen 5mal so groß gebaut werden. Gleichzeitig hatten sie eine gleichmäßigere Temperatur die sich positiv auf die Emailqualität auswirkte. Dieses Gas muß anscheinend aus der Kohle gewonnen worden sein, da ja unbestreitbar große Mengen Kohle benötigt wurden.

Bis 1879 wurden die Waren weiss / weiss bzw Außen blau / innen weiß hergestellt. 1979 wurden die Waren mit gold und anderen Schmelzfarben bemalt. Das Email sollte dem Porzellan ähnlicher gemacht werden. Dazu wurden Porzellanmaler aus Selb angeworben. 1880 konnten bemalte Artikel erstmals auch im Katalog bestellt werden.

Peter Baumann schreibt 1879 “.. mit der Einrichtung, die wir jetzt treffen sind wir für alle Zeit leistungsfähig, es ist dieses die stärkste und leistungsfähigste Maschine, die zur Blechwarenfabrikation je gebaut wurde”. Natürlich täuscht er sich. Bereits im nächsten Jahr 1880 wurden weitere Grundstücke gekauft auf damit insgesamt 12.000m2. 1881 wurde eine Verdopplung der Produktion geplant. Es wurde investiert in ein neues Emaillierwerk mit 2 gasgefeuerte Emaillieröfen, ein 36m hoher Zentralkamin, 200m Eisenbahngleis ins Werk (damit entfiel der teuere Transport durch Fuhrwerke zum Bahnhof), neue Dampfmaschine 50PS. Außerdem wurden zwei neue Ziehpressen, jetzt allerdings aus Deutschland für je 12.000 Mark, angeschafft. Insgesamt wurde etwa 100.000Mark ausgegeben. Zum Vergleich ein Hilfsarbeiter verdiente 12-13Mark die Woche, Über die Finanzierung ist nicht bekannt. Der Umsatz wird bei rund 1 Million Mark gewesen sein. Wahrscheinlich wurde dies durch Gewinne finanziert. Die Ziehpresse hatte auf die Produktion wesentlich rationalisiert, dies kommt auch im veränderten Firmennamen zum Ausdruck: seit 1881 “Amberger Stanz- und Emaillierwerke”.

Seit 1874 konnten Schutzmarken angemeldet werden. 1880 entschloß sich die Firma  eine Schutzmarke anzumelden. Die Eintragung beim Landgericht Amberg lautete folgendermaßen:
       "Als Marke ist eingetragen unter Nr. 22 zu der Firma:
       "Handelsgesellschaft Joh. Baumann's Wwe" mit dem Sitze in Amberg, nach Anmeldung vom 7. Juni 1880, nachmittags 6 Uhr, für emaillirte Haus- und Küchengeräthe aus Eisenblech, das nebenstehende Zeichen. "

Der Löwe wurde werblich voll genutzt, beispielsweise im Begriff “Löwengeschirr”. Im Katalog steht explizit “Wir bitten genau auf unsere Schutzmarke zuachten”.
Der Löwe wurde 1903 nochmal geändert - jetzt sind beide Tatzen auf dem Becher zu sehen:

Durch die Kennzeichnung mit der einprägsamen Löwen-Schutzmarke konnte sich das Baumannsche Fabrikat deutlich von anderer Ware absetzen. Die Brüder Baumann hatten mit der Darstellung einen guten Griff getan, da der Löwe leicht im Gedächtnis haften blieb. 1884 berichtete zum Beispiel die "Illustrirte Zeitschrift", sie hätte in letzter Zeit verstärkt Anfragen erhalten, wer denn das blau-weiße Kochgeschirr mit der Löwen-Marke produziere. Diese Gelegenheit nahm die Redaktion des Fachblattes wahr, um den Lesern mitzuteilen, daß es die Firma "Johann Bau-mann's Wwe" aus Amberg sei, die eine vorzügliche Qualität an emaillierten Haushaltswaren fabriziere.
Diese unaufgeforderte Werbung kam den Brüdern Baumann sicher nicht ungelegen. Die Firma Baumann benützte aber die Schutzmarke nicht nur zur Bekanntmachung ihrer Waren. Sie gab für ihre Fabrikate eine Garantie, die andere Werke nicht geben konnten oder wollten:
   "Jede Verkaufsstelle ist ermächtigt, Geschirre mit ihrer Schutzmarke, von denen das Email nach kurzem Gebrauch ohne gewaltsame oder böswillige Veranlassung abgesprungen sein sollte, gegen neue Geschirre auf ihre Kosten gratis umzutauschen."
Mit dieser Garantie konnte ein Käufer gut überzeugt werden. Das Reklamationsrecht bürgt für gute Qualität.

Der Zeit entsprechend wurden Vereine zur sozialen Absicherung gegründet. Die “Statuten des Arbeiter-Kranken-Unterstützungs-Vereins der Gebrüder Baumann’schen Blechwarenfabrik” lagen in dem Buch mit dem Testament der Katharina Baumann. Leider sind diese nicht datiert. Im Vorstand muß ein Mitglied der Verzinnerei sein, das spricht für ein frühes Datum. Die Stuten sind nicht unterschrieben, ich nehme daher an, dass es sich um einen Entwurf handelt. Prinzipiell mußte jeder Arbeiter beitreten (30 Pfg/Jahr) und erhält dafür kostenlosen Arztbesuch vom Vereinsarzt. Finanziell bekommt er bei Krankheit 2 Mark/Krankheitstag bis zu 150 Tagen, eine Invaliditätsrente (rückversichert bei der Magdeburger Versicherung) und eine Auszahlung von 2000 Mark im Todesfall.

1880 wurde der Vertrieb von Blechwaren für Öfen und Öfenzubehör aufgegeben - die Spezialisierung erfolgt auf Haushaltsgeräte. Mein ältestes Musterbuch ist von 1881. Es enthält 460 Artikelgruppen (davon 210 gepresst, der Rest gefalzt), die dann wieder in unterschiedlichen Größen (zb Maschinentopf mit Griffen 8-32cm, 2cm steigend - also 13 Größen) vorhanden waren.

Diese Formen konnten verschieden bestellt werden emailliert, verzinnt, teilweise geschliffen und roh. Zusätzlich gab es verschiedene Dekorationsmöglichkeiten:

Mayrhofer schreibt für 1881: “Die Kochgeschirre wurden fast durchgängig blau/weiß emailliert hergestellt. Waschgeschirre, Schüsseln, Teller, Tassen, Becher .. weiß/weiß und bemalt. .. Die 1/2 verzinnten Töpfe und Tiegel waren innen verzinnt, außen schwarz lackiert, wogegen die 1/2 verzinnten Teigschüsseln auch vielfach außen braunrot lackiert verlangt wurden.”

Bereits 1882 wäre ein weiterer Ausbau notwendig geworden, aber es fehlte Kapital. Dazu Mayerhofer: “Leider konnten diese (gemeint ist Betriebsvergrößerungen) nicht in gewünschter Weise erfolgen. Das hierzu nötige Betriebskapital stand nicht zur Verfügung und eine Hypothekbelastung lehnten die Gründer strikte ab, nach welchen Grundsatz sie auch fortan verfuhren”.
Aufgrund einer Goldmedaille in Nürnberg wurde der Fabrikant  “Haberman” aus NewYork aufmerksam und kaufte Rezeptur und Know-how für 50.000 Mark. Mit dem Geld wurde ein 40m hoher neuer Kamin und ein großes Warenmagazin erstellt. Die Firma beschäftigte etwa 200 Mitarbeiter.
Mayrhofer: “Diese schöne Erfolge krönten die Besitzer .. durch ein großes Fest .. zu dem alle für einen schönen Sommerabend eingeladen waren. Längs des Arbeitssaales wurden im Freien viele Bänke und Tische aufgestellt. Sämtliche Teilnehmer wurden mit Sauerbraten und Klößen, was in den 3 Küchen der Besitzer zubereitet wurde, bewirtet. Bier wurde dazu vom Faß verzapft und jeder konnte trinken soviel er wollte. Eine kleine Blechmusikkapelle spielte frohe Weisen und so war bald alles in fröhlicher Festesstimmung. (Anm. Hans Baumann: Lt Erzählung Fikentscher: “Roth unf Fickentscher haben wegen Brunner Babett gerauft.”) Erst nach Mitternacht fand das Fest sein Ende.”

1883 wurde wieder ein neues Emaillierwerk mit Ofen (damit jetzt 5 Öfen) gebaut. Zur Beleuchtung der Hallen wurde Gas der Stadt verwendet. Dies erschien zu teuer, da aus dem Braunkohleteer (Abfallprodukt der Verbrennung der Öfen) Gas gewonnen werden konnte. Der Magistrat lehnte dies wegen der Gefährlichkeit ab. Darauf wendete sich die Firma an die Regierung, die die Leuchtgasfabrik anstandslos genehmigte.

Ein Katalog von 1884 enthält das Musterbuch von 1881 und ein Preisverzeichnis. Dort gibt es verschiedene Emailvarianten: weiß/blau, blau mormoriert, wolkiggrau (als neu gekennzeichnet), ganz weiß und einen Teil der Produkte in verzinnt, geschliffen und roh. Preis wird per kg angegeben: der Maschinentopf kostet 180 Pfennig/kg (in gefalzter Version 150). Einige der gefalzten Artikel gibt es emailliert oder verzinnt, die gepressten Artikel nur in emailliert. Der Aufpreis für emailliert liegt zwischen 35-70%. Im Anhang werden jetzt auch die Stückpreise der Artikel angegeben. Der Preis für marmoriert, wolkiggrau ist der Gleiche wie weiß/blau, während weiss/weiss einen Aufschlag von 15% hat. Zahlungsziel sind 3 Monate mit 2% Sconto in 4 Wochen. 

Der Katalog scheint einem Vertreter gehört zu haben. Am Ende des Katalogs sind Konditionen wichtiger Kunden enthalten (zb Bing Nürnberg 10%):

1884 wurde eine neue Dampfmaschine jetzt 120 PS installiert. Zusätzlich wurde eine neue Presse von Schuler gekauft, die zwar nur kleine Gegenstände dafür ein verbesserter Taktzeit produzieren konnte.

Auf die Dauer war die Handmalerei zu kostspielig. Für den allgemeinen Gebrauch mußten Methoden entwickelt werden, um Dekore schnell und kostengünstig herstellen zu können. Um 1885 setzten sich die "Schmelz-Farben-Abziehbilder" als Dekorationsverfahren allgemein durch. Durch diese Abziehbilder entstand eine einfache Möglichkeit, die Geschirre vielfältig zu verzieren. 1897 wurde von der Firma Baumann ein eigenes Dekorbuch veröffentlicht, nach dem sich die Kunden die Motive aussuchen konnten. Blütenranken und graphische Muster waren die bevorzugten Dekore

Ein Prospekt der Firma Ziegler, Neustadt a. d. Hdt. erklärt uns die Arbeitsschritte für das Dekorieren mit Abziehbildern:
     1) Die für das Dekor vorgesehene Stelle muß mit Abziehlack bestrichen werden.
     2) Wenn der Lack beinahe getrocknet ist, muß das Bild fest an der Stelle angedrückt werden, anschließend in ein Wasserbad gelegt werden, bis sich das Papier vom Abziehbild löst.
     3) Vor dem Brennen das dekorierte Geschirr 24 Stunden antrocknen lassen.

Der Vertrieb erfolgt durch Vertreter, vermutlich wurden diese prozentual am Umsatz in ihrem Gebiet beteiligt. Mayrhofer erwähnt 1884 Vertreter Warnecke in Mannheim für ein Riesengebiet Württenberg bis Pommern,, 1885 Pisetzky für Italien, 1885 Ernst Walcker für die Schweiz. Für diese Gebiete mußten allerdings neue Geschirrformen erstellt werden. Die Vertreter brachten Forderungen ihres Marktes nach Amberg und beeinflußten die Produkte. So wurde das Email wolkiggrau aufgrund der Nachfrage “in der Provinz Hannover” und der Schweiz eingeführt.

Der Wettbewerber “Metallwarenfabrik Zug” versuchte die Zusammensetzung der Amberger Glasuren heruszubringen und “setzte sich mit einem unserer Schreiner in Verbindung, damit ihm dieser gegen Belohnung Proben unserer Emaillen übermittle.Durch einen brief flog die Sache auf. Wir legten dem Schreiner eine Falle, auf die dieser hereinfiel.”

1886 wurde wieder investiert um “den größten Ansprüchen jederzeit genügen zu können”. Der Betrieb bestand jetzt aus 7 Emaillieröfen, 4 Schmelzöfen, 6 Ziehpressen und 43 Exzenterpressen. Der Personalstand stieg auf 463 Beschäftigte.

1886 klagte die Firma über schlechte Auftragslage, bedingt durch die Konkurrenz im Inland. Der Ausweg war die Erweiterung auf den Export in Länder ohne Emailfabriken.
Diese Entscheidung bewirkte ein weiteres Wachstum in den folgenden Jahren. Es wurden Grundstücke (Lehnersche Anwesen 63.000Mk), weitere Öfen und Stanzen. Der Betrieb umfasste 800 Arbeiter und 20 Verwaltungskräfte. Die Waren ins Ausland wurden waggonweise verschickt.

Bis 1888 wurde mit Gewichtspreisen verrechnet. Jetzt mußte besondern aufgrund der Anforderungen aus dem Ausland Preislisten mit Stückpreisen erstellt werden. Mayrhofer schreibt, während bei den Gewichtspreisen geringe Rabatte von 3%-10% gewährt wurden, konnten bei den Stückpreisen 45% Rabatt bei freier Verpackung und frahctfreier Lieferung bis deutschen Ausgangshafen gewährt werden. Die erste Auslandspreisliste wurde für England erstellt. Für die Werbung wurden jetzt emaillierte Verkaufsstellentafeln erstellt.

Vertretungen bestanden in vielen Ländern: 1887 Alexander Steiner in Paris für Frankreich, Wilhelm Wirsing für Skandinvaien, Kortenhau&Hammerstein für Konstantinopel, Adrianopol und Saloniki
1889 O.Wiedemann für Barcelona, Valencia, Zaragossa; Bennejo&Schmidt für Madrid und das restliche Spanien
1889 Aich in NewYork und 1890 Stransky, der schließlich den Alleinvertrieb für Nordamerika übernahm. 1891 Carl Wernecke bekommt den Alleinvertrieb für Berlin, 1894 Nouvelle Compagnie Industrielle für Frankreich, 1895 hess&Co für Ägypten, 1894 Weydekamp, Kettling &Co für Südrussland, 1897 Grüdnger Warschau für Polen., 1899 Luckhaus&Günther für Argentinien, später noch Brasilien, Cuba und Chile, 1898 Meinter&Co in Moskau für Russland, 1898 S.Amar in Belgrad für Serbien

Ein Plan aus 1888:(Nord = rechts)

1889 legte der Nachbar Schloderer Baubeschwerde ein, da seine Gewächshäuser durch den Ruß und Rauch verschmutzt werden. Die Firma wandte sich an die Regierung mit der Aufforderung die industrielle Entwicklung nicht zu hemmen. Dem wurde stattgegeben und die Baupläne konnten uneingeschränkt umgesetzt werden.

Im gleichen Jahr beklagte sich die königliche Bahndirektion über die Verschmutzung ihrer Brunnen, da die Firma die Abwässer ungeklärt in einem Bach einleitete. Das Wasser des Bachs war ungenießbar und übelriechend geworden. Die Bahn drohte mit Klage, daraufhin entschied man sich eine Filteranlage für die Abwässer einbauen zulassen.

Im Hauptbüro hingen die Bilder der Gründer oberhalb der Vertäfelung an der Wand. Die Bilder sind leider nur noch teilweise vorhanden - aber Herr Birner hat sie abfotografiert (man sieht noch seinen Schatten im Bild!). Geschätzt etwa von 1890.

Christian Baumann 1837-1892                                        Georg Baumann 1843-1913

Das Bild von Johann ist von einem Bild abgemalt.


Johann Baumann 1845-1895                                         Peter Baumann 1852-1906

 

1891 wurde ein neuer Gesellschaftsvertrag für die Firma “Johann Baumann’s Witwe” aufgesetzt. Katharina war zu dem Zeitpunkt bereits seit 15 Jahren gestorben. Der davor gültige Vertrag ist nicht mehr vorhanden.
Einige Auszüge:
§6: “Die Höhe der Geschäftseinlage hat auf die Verteilung des Reingewinns keinen Einfluß. Der Reingewinn fällt den Gesellschaftern in gleichen Anteilen zu.” Diese Regelung bestand schon zu Beginn, bereits die Bilanz 1873 hat den Gewinn gleichmäßig aufgeteilt. Die Einlagen wurden verzinst, dadurch erfolgt ein Ausgleich.
§7: “Jeder Gesellschafter ist befugt, während des Jahres für seinen Haushalt das nötige Geld aus der Gesellschaftskasse abzuheben” bis zu 10.000 Mark.
In §14: “Jeder Gesellschafter kann seinen Gesellschaftsanteil .. nur seiner Ehefrau aus erster Ehe und den dieser Ehe entsprossenen Kindern zuweisen.” In §15 heißt es: “Stirbt ein Gesellschafter, so kann dessen Frau aus erster Ehe den Gesellschaftsanteil übernehmen”. In §16: “Die Witwe kann sich, sofern sie Teilhaberin .. ist, nicht wieder verheiraten”. Entsprechend heißt es in §17 “.. so können nur die Kinder .. aus erster Ehe den Gesellschaftsanteil übernehmen”.  Welcher Anlaß führte wohl zu diesen Überlegungen ? Uneheliche Kinder sind nicht bekannt, Georg’s erste Ehefrau ist erst 1900 gestorben.
§26: Jeder Gesellschafter hat abwechselnd 6 Wochen Urlaub.
Dieser Vertrag mit einigen Ergänzungen war mindestens bis 1977 gültig !

1892 verstarb der älteste der Brüder: Christian“nach langen, qualvollen Leiden im schönsten Mannesalter (57 Jahre) am 14.2.1892. . Er wird als “dynamischer Pionierunternehmer” bezeichnet. Er ließ sich in Amberg nieder und holte die Brüder nach. Seine Idee war es die Produktion von Emailgeschirr zu beginnen. Ihm folgte sein Sohn Erhard (Unterschrift am 23.3.1895 auf dem Gesellschaftsvertrag).
In dem Blatt aus dem Heimatmuseum steht geboren in Amberg (Schiffsgasse). Foto aus dem Hauptbüro:

Es gibt eine Fotoserie mit wahrscheinlich allen Beschäftigen. Es sind leider nicht die Original- sondern abfotografierte Fotos. Das Datum ist nicht vermerkt - auf einigen Fotos steht ein Schild mit “1893 Amberg”. Erhards Vater ist 1892 verstorben, Offiziell nach Unterschrift auf dem Gesellschaftsvertrag ist Erhard aber erst 1895 eingetreten. Ein Indiz gegen 1893 ist noch das Fehlen von Johann Baumann. Er starb erst 1895, also müßte er doch auf jeden Fall auf diesen Fotos zu sehen sein. 1893 wäre das 15jährige Bestehen der Firma und daher vielleicht ein Anlaß für diese Fotoserie.
Auf einem Foto sind die leitenden Angestellten mit der Firmenleitung in der Mitte am Tisch sitzend von links nach rechts: Georg, Peter und Erhard  Auffällig ist der geringe Anteil von Angestellten im Vergleich zu den Arbeitern.
Frau Birner hatte dazu eine Liste auf der alle Namen der abgebildeten Personen von diesem einen Foto verzeichnet ist.

Die restlichen Fotos mit den Beschäftigten:

Aus der Fotoserie existiert auch ein Bild des Verwaltungsbaus. Anfangs wohnten die Familien auch in diesem Gebäude. Das Gebäude wurde 1903 durch ein neues ersetzt.

Am 21.3.1895 verstarb Johann Baumann. Mayrhofer: “Herr Johann war am Morgen dieses Tages ganz heiterer Laune, er äußerte sich gelegentlich im Emaillierwerk, er habe sich nicht leicht so froh und wohl gefühlt wie heute, und am Abend brachte man ihn ohnmächtig nach Hause. Auf dem Heimweg von der Bergvilla traf ihn bei der Sandgrube neben der jetzigen Kummertschen Brauerei ein Schlaganfall, dem er einige Stunden nachher erlag.” Auf dem Gesellschaftsvertrag folgt zunächst seine Frau Babette am 15.2.1896, erst am 26.11.1904 tritt Georg in den Gesellschaftsvertrag ein und darf jetzt offiziell zeichnen.

Gesellschaftlich wird die Firma anerkannt: Als Ältester der Brüder bekam am 6.5.1887 Christian den Verdienstorden vom heiligen Michael II.Klasse - 1895 bekommt Georg den Titel königlicher Kommerzienrat und 1901 den gleichen Orden IV.Klasse.
Google: .. the Merit Order of St. Michael (Verdienstorden vom heiligen Michael), founded in 1693 and revived in 1837 as Bavaria's principle peacetime merit order for services to the Crown.

Wkipedia: Kommerzienrat, österreichisch Kommerzialrat, ist ein Ehrentitel, der im Deutschen Reich bis 1919 an Persönlichkeiten der Wirtschaft verliehen wurde. Als Steigerungsform gilt der Geheime Kommerzialrat.
Ganz interessant wäre noch: wie war das Prozedere (wie wurde man ausgewählt..)? Wieviele gab es überhaupt ? Es der königliche Kommerzienrat ein besonderer ?

Eine Broschüre mit Dekortafeln, allerdings ohne Datumsangabe (geschätzt 1903, wegen Löwenlogo), zeigt die aktuellen Dekore

Das ist die Rückseite .Das alte Verwaltungsgebäude steht noch, Bild etwa vor 1895 - da das 12-stöckige Magazingebäude noch nicht abgebildet ist.

Der auch bei Baumann gefertigte Zarenbecher geisterte immer wieder in der Erzählungen herum.

Zufällig bin ich bei ebay auf folgende Geschichte gestossen (ich bin leider überboten worden - dabei habe ich beim Stand von 15 Euro 101 Limit gesetzt und in der letzten Sekunde bot jemand 110 Euro!):
Verkaufe sehr gut erhaltenen Trinkbecher aus dem Jahr 1896! Der Becher ist kein Replikat. An einer Stelle des Bechers sind die Initialen "H J (Johann Haigis)" angebracht, gegenüberliegend das österreichische Staatswappen. Der Becher stammt aus dem Nachlass einer Wiener Herrschaft (Johann Haigis).
Am 10.02.05 hat der Verkäufer die folgenden Angaben hinzugefügt:
Ein netter EBAY hat mich über die tatsächliche Geschichte diese Bechers aufgeklärt.
Er schrieb mir:
Hallo Norbert!
Er stammt vielleicht aus dem besagten Haushalt, ist aber ein sogenannter Jubiläumsbecher. 1896 feierte Zar Nikolaus II seine Krönung und ließ von Deutschen Firmen tausende dieser Becher anfertigen. Die Initialen sind kyrillisch und es handelt sich nicht um den österreichischen Doppeladler, sondern um das Russische Staatswappen...
Die Becher sollten als Geschenke für die Bevölkerung dienen. Am Morgen der Feierlichkeiten hatten sich fünfhunderttausend Menschen versammelt, alle hatten Angst, keine Becher mehr zu bekommen und stürmten auf die Becher zu. Im Gewimmel starben 5000 Menschen, sie trampelten sich zu Tode und die Kosaken konnten keine Ordnung mehr schaffen.
Das ist die Geschichte dieser Becher.
Ich habe den Ersteigerer um bessere Fotos gebeten .. mal sehen !

1897 wurde das 12-stöckige Magazingebäude mit elektrischen Aufzug errichtet. Es war das erste Hochhaus in Amberg und der erste Aufzug.
wikipedia: 1880 wurde von Werner von Siemens der erste elektrische Aufzug in Mannheim vorgestellt.

Am 20.5.1897 ein echter Höhepunkt: der Besuch von Prinz Ludwig III. (*1821, 1913-1918 König von Bayern). Er steht neben Georg, links dahinter Erhard mit Babette. Daneben mit Kette der Bürgermeister.
Ludwig III. folgte 1912 seinem Vater Prinzregent Luitpold als Regent des Königreiches Bayern für dessen regierungsunfähigen König Otto (1848-1916 Bruder Ludwigs II.). Während Prinzregent Luitpold nie einen Anspruch auf die bayerische Krone gestellt hatte, setzte der spätere Ludwig III. den rechtmässigen König 1913 ab und erklärte sich zum bayerischen König. Für viele seiner Landsleute bedeutete dies einen unrechtmässigen Anspruch auf den Thron, so dass Ludwig III. im Volk sehr unbeliebt war. Ludwig III. dankte im November 1918 am Ende des Ersten Weltkrieges nach Ausbruch eines Aufstandes in München ab.
Vielleicht war der Anlass des Besuchs das 25jährige Firmenbestehen. Der fabrikinterne Arbeitergesangsverein “Erheiterung” hatte zur Feier des Tages “Ludwig-Hymne” einstudiert.
Mayrhofer: “Besuch des Prinzen Ludwig.., aus welchem Anlaß der Aufzug im Magazinsgebäude in einen Personenfahrstuhl umgewandelt wurde. Frl. Marie (1877-1915), die verstorbene Tochter des Herrn Komm.Rat Georg Baumann sprach damals einen Willkommgruß.”

Zum 25-jährigen Bestehen 1897 gibt es ein Andenken an den “Mitbegründer und ersten Chef”. Der “erste” Chef kommt daher, da ja seine beiden Gründungsbrüder inzwischen verstorben waren und er damit der älteste in der Geschäftsführung ist. Außen ein dicker Karton und innen die schöne Urkunde.
Mayrhofer schreibt dazu: “..wobei mir von Seiten des kaufmännischen Personals der ehrende Auftrag zufiel, der Firma unter Überreichung einer künstlerisch ausgeführten Adresse zu gratulieren, auf die vielen Verdienste der Firma in Bezug auf ihre hervorragenden Leistungen, auf deren soziale Bestrebungen und deren überaus große Bautätigkeit hinzuweisen und auf die Gräber der beiden verstorbenen Männer von edlem Charakter je einen Lorbeerkranz nieder zu legen”.

Um diese Zeit wurde auch das Sägewerk Prechtl (nahe der Dreifaltigkeitskirche) erworben.

In einer Nacht im Oktober 1898 brannte das Sägewerk nieder. dazu Mayerhofer: “Bei dem großen Vorrat an Holz und Bretter gab es natürlich ein großes und helles Feuer, derart, daß man am Mariahilfberg um Mitternacht Zeitung lesen konnte und der Lokomotivführer eines von Schwandorf einfahrenden Güterzuges auf der Strecke vor dem Viadukt der Regensburgerstrasse hielt. Er war vom Feuer geblendet und meinte direkt ins Feuer hineinzufahren. es musste alles daran gewandt werden, das Überspringen des Feuers auf die Fabrik zu verhindern. Allgemein wurde Brandstiftung angenommen, es konnte aber nichts bewiesen werden.”

Zur Bautätigkeit:
1891 Villa an der Bergauffahrt
1896 Wintervilla (an der heutigen Unterführung “Pizza”)
1897 Erbauung des 12 stöckigen Magazingebäudes
1897 Gaswerk (Erzeugung von Sauerstoff und Wasserstoff)
1897 “Akkumalatorenanlage”, zur Erzeugung von Strom für Aufzüge und Licht
1897 Villa am Philosophenweg
1899 Unterführung unter der Eisenbahn in der Jahnstrasse
1903 Bau des neuen Verwaltungsgebäudes
1903 Villa am Mariahilfbergweg (1971 abgerissen)
1904 Stranzky Magazin, große Beize neben Gaswerk
Das Bild unten (Blick auf das Marienhospital) kommt von 1903. Man sieht im Hintergrund die fertige Villa. Vorne wird das Verwaltungsgebäude gebaut.

(Das folgende sind Zitate aus Andrea Hanauers Facharbeit) Als 1900 aufgrund des Kohlenarbeiterstreiks in Böhmen, und anderen Kohlenförderungsgebieten, Kohlenmangel herrschte, war das Unternehmen gezwungen die Produktion einige Tage lang ein zu schränken.  Eine Stillegung konnte nur dadurch vermieden werden, daß man minderwertige Kohlen anstelle der bisherigen einsetzte. All die auf den letzten Seiten beschriebenen Schwierigkeiten, dürfen aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß der Aufwärtstrend auch 1899 und 1900 noch weiter andauerte. Die Firma spricht 1899 von gutem Absatz, und 1900 wurde der Maschinenpark weiter ausgebaut, was ebenfalls auf guten Absatz schließen läßt.

Um 1900 betrug der Anteil des Export 70% !

Ein seltenes Foto aus der Produktion, leider nicht datiert. Den spiegelnde Gegenstand in der Mitte ist leider nicht identifizierbar. Abgebildet ist ein Muffelofen mit dem herausgefahrenen Beschickungswagen. Die Aufnahmen auf dem Beschickungswagen können gedreht werden, damit der Wagen während des Brennens entladen und neu beladen werden kann. Zum Neubeladen wird die Ofentür (sie hat übrigens den Baumannlöwen in der Mitte) nach oben gezogen und der Beschickungswagen kann in den Ofen fahren. Die gebrannte Milchtöpfe hängen am Griff und vorne auf dem Tisch stehen weitere Artikel auf sogenannten Nagelbrettern. Vorne liegt ein Geschirfrhaufen mit Deckel mit Drahtgriff, das spricht für die Produktion vor dem 1.Weltkrieg. Die stehende Person mit Mütze könnte Georg sein, also müßte das Foto nach 1905 aufgenommen worden sein.

Erst das folgende Jahr 1901 brachte einen wirklichen wirtschaftlichen Rückgang für das Unternehmen. Es lagen nicht genügend Aufträge vor, der Absatz war zu gering. Diese Entwicklung schlug sich vor allem in einer Verminderung der Arbeiterzahlen nieder. Die Beschäftigtenzahl, verringerte sich in diesem Jahr von inzwischen 2100 auf 2000; Grund für die schlechte Auftragslage war, neben einer weiteren, bereits 1900, in Verbindung mit dem Kohlenarbeiterausstand erfolgten Teuerung der Kohlen, wohl auch die Unausgeglichenheit der Zölle auf emaillierte Waren, über die die Gebrüder Baumann schon in den Jahren vorher Klage geführt hatten. Der Zoll auf importierte Waren, war , nach Aussagen der Gebrüder Baumann, verglichen mit den Zöllen der Exportländer, wie den USA, Österreich, Frankreich, Rußland und den skandinavischen Ländern, sehr gering. Dadurch wurde der deutsche Markt mit fremden Erzeugnissen überschwemmt, während der Export stark erschwert war. Dieses hier von den Gebrüdern Baumann beschriebene Erschwernis, war damals ein allgemeines Problem, da alle Länder Schutzzölle errichteten, um ihre eigenen Volkswirtschaften vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen.

Eine Besserung der schlechten Ertragslage trat erst ein, als die Firma, Ende des Jahres 1901 die Verkaufspreise senkte, und es ihr damit wieder möglich war, mit anderen Unternehmen im In- und Ausland zu konkurrieren. In den folgenden Jahren bis 1905 hatte das Unternehmen, trotz weiterer Verteuerung der Rohmaterialien,  einen Anstieg der Verkaufszahlen zu verzeichnen. Die Krise von 1901 war überwunden, die Arbeiterzahl stieg erneut an, und erreichte schließlich 1905 mit 2600 Beschäftigten die Spitze des ganzen untersuchten Zeitraumes. Das Werk hatte die Priorität auf dem Weltmarkt für Kochgeschirre, und exportierte in alle Teile der Welt. In New York hatte die Firma in der "Lion Steel Ware Corporation" eine eigene Vertriebsgesellschaft.

1904 wurde dieses Bild aufgenommen.:

1904 wurde eine weitere Vergrößerung des Werkes vorgenommen, die Firma erreichte ihre bisher größte Ausdehnung. Die hohe Beschäftigtenzahl, sowie die gesamte Darstellung der bisherigen und noch folgenden Entwicklung, lassen darauf schließen, daß das Unternehmen 1904/5 seine höchste Blüte erreicht hatte.

1904 wurde auch das Stranzky-Lager errichtet. Mayrhofer: “Stranzky verlangte schließlich eine Lieferung von 10-12 Waggons monatlich, und als wir uns dazu nicht verpflichten konnten, richtete er sich in Coswig ein eigenes Emaillierwerk ein... später ging dieses Werk aufgrund verfehlter Spekulationen wieder ein”.

Werbung passiert durch diverse Ausstellungen, beispielsweise Bremen Juni 1904.

Die Entwicklung der Firma geht ziemlich kontinuierlich weiter. Im Jahr 1904/05 wird mit 2600 Beschäftigten die größte Ausdehnung der Firma erreicht. Das sind ein Zehntel der Einwohner der Stadt Amberg. Die Gesamtfläche sind 57.500m2. Durch viele Nebeneinrichtungen wie Gaswerk und Sägewerk war die Firma in Grenzen autark geworden.

Das Jahr 1905 stellte das Werk vor ein schwerwiegendes technisches Problem. Ab 1905 verwandte man statt des bisher gebrauchten Schweiß- oder Puddeleisens, Flußeisen zur Blechherstellung. Das daraus entstandene Blech aber, erwies sich als für das Emaillieren ungeeignet, da das Emaille nicht mehr haften blieb, sondern sich schuppenförmig ablöste.(man nannte dieses Phänomen daher “Fischschuppen"). Nach anfänglicher Ratlosigkeit, fanden die Gebrüder Baumann zunächst eine recht seltsam anmutende Methode zur Bekämpfung dieses Phänomens: Sie ließen die Geschirre unter Einwirkung von Säure, auf Regalen, anrosten. Auf der so behandelten Oberfläche blieb das Emaille sogar stärker haften, als auf den bisher verwandten Blechen. Das Rosten aber brauchte Zeit, erforderte riesige Lagerräume, und verschlang Eisen und Säure. Trotzdem blieb es für mehrere Jahre das einzige Verfahren, die Fischschuppen, die die Existenz der Firma vorübergehend gefährdeten, zu bekämpfen.

1906 zeichnete sich eine weitere Krise ab. Der Export ging allgemein zurück , was nach Ansicht der Gebrüder Baumann, auf die ungünstigen Zollbedingungen zurückzuführen ist. Um die, bei der Bekämpfung der Fischschuppen entstandenen Mehrkosten für Säure, Eisen, und notwendige Lagerhallen, decken zu können, hatten sie bereits 1905 die Verkaufspreise ihrer Produkte erhöht. Das wirkte sich nun zusammen mit den relativ hohen Auslandszöllen negativ auf die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens aus. Eine kleinere Rolle mag auch der im Herbst 1906 auftretende Waggonmangel gespielt haben, der den Transport der Waren erheblich verzögerte. Jedoch war auch diese Krise bereits im kommenden Jahr wieder überwunden. Nach Schätzungen der Industrie- und Handelskammer, exportierte das Werk 1907, Waren im Wert von über 3 Millionen Mk, und die Gebrüder Baumann sprachen in ihrem Bericht an die Industrie- und Handelskammer in Amberg, von einem guten Geschäftsjahr.

1906 eine große Ausstellung in Nürnberg

Die Bilder kommen von 1907.


Die Firma wurde ein Wirtschaftsfaktor für das Umland. So zieht beispielsweise die Fentsch-Brauerei wegen der Firma nach Amberg.
Der Brauereibesitzer Johann Fentsch (1856-1933) schreibt in seinem Lebenslauf: “Die Brauerei und Gastwirtschaft Zur Sonne entwickelte sich beim Aufstieg Deutschlands in den 80iger Jahren, wo besonders die Maxhütte sich erweiterte und ausbreitete und reiches Absatzgebiet für gutes Bier bot, deren Versorgung grösstenteils in meinen Händen ruhte und dem sich ein großer Absatzmarkt in Amberg in späteren Jahren anschloss, besonders in den Betrieben meiner Verwandten Baumann. In deren Emaillie- und Quarzwerken fand sich reicher Absatz, wodurch sich unser Geschäft zu einem der bedeutendsten Mittelbrauereien hiesiger Gegend entwickelte. Im Jahre 1907 durch …..veranlasst wurde durch Eintritt Herrn Carl Becher ins Geschäft eine G.m.b.H gegründet und verzog ich nach Amberg, um in der Umgebung meiner Verwandten Baumann, mit denen ich auf besonders gutem Fuße stand, das Geschäft meinem Teilhaber überlassend .. Im Jahre 1915 verstarb Herr Becher plötzlich und ich musste wieder die Geschäftsführung  übernehmen, während fast sämtliche Angestellte und Arbeiter im Kriege waren...”. 1922 wird aus der Fentschbrauerei das Brauhaus Amberg gegründet.

1908 wurde ein Pensionsfond für arbeitsunfähige und langjährige Mitarbeiter eingerichtet. Das Fondvermögen war bei Gründung 1907 123.000M. Aus den Zinserträgen wurden die Pensionen, eigentlich wohl Zusatzpensionen bezahlt. Für einen Mann mit 20-25 Jahren Beschäftigungsdauer betrug die Pension 30M. Immer wieder wird die freiwillig dieses Leistung durch die Firma betont. Der Klassenkampf wird aus dem letzten Paragraphen ersichtlich: “.. die weder der Sozialdemokratischen noch der christlichsozialen ... Organisation angehören”. Wobei “christlichsozial” etwas überrascht, da mir keine entsprechende Organisation bekannt ist.

1908 aber veränderte sich die Situation erneut. Die Industrie- und Handelskammer in Regensburg, berichtet von einer allgemeinen Depression und Stagnation der Wirtschaft in der Oberpfalz. Die Gebrüder Baumann machten wiederum die Schutzzollpolitik der Industrieländer für den flauen Geschäftsgang verantwortlich.

Mayrhofer schreibt: 1908 beschäftigten wir 2900 Arbeiter und 78 Angestellte. Der Absatz stiegt stetig bis 1908 und verbleib etwa 4 Jahre auf dieser Höhe.

1909 war ihr Geschäftsverkehr mit Österreich-Ungarn sowie den skandinavischen Ländern Dänemark, Schweden und Norwegen, eben aufgrund dieser Zollpolitik beinahe vollkommen abgeschnitten. Auch der Austausch mit Italien war erschwert, da sich das Land, durch den italienisch- türkischen Krieg politisch in Unruhe befand. Die Firma war, da auch der Bedarf in Deutschland zurückging, gezwungen auf Lager zu arbeiten, hatte also einen Rückgang des Geschäftes zu verzeichnen.

Fabrikansicht von 1909. Vom Maler wahrscheinlich etwas überzeichnet: 1907 waren es noch 7 Schlote - jetzt sind es 12 Schlote!:

Das undatierte Foto kommt etwa von 1910. Es ist aus dem Haus in der Jahnstr. 1 (später bewohnt von Brunhilde und dann abgerissen und heute mit Reihenhäusern bebaut). Man sieht vorn rechts das Bürogebäude und die dahinter liegenden Kamine. Vermutlich ist es Babette mit ihrem Kindern Else und Brunhilde. Das Bild wäre dann etwa von 1905.

Vom Juni 1909 gibt es einen Katalog in gebundener Form: Aufschrift “Seinem lieben Sohn!”. Aus dem eingeklebten Foto und der Formulierung (anstatt meinem seinem Sohn) vermute ich, daß es Georg seinem Sohn Oskar (*1880) etwa 1913 geschenkt hat. Mein Vater Werner (*1911) dürfte da so 2 Jahre alt sein.

In dem Katalog werden jetzt deutlich mehr Emailien angeboten:

Im Katalog selbst sind 3945 Artikelgruppen aufgeführt.

1909 ein Blick Richtung Stadt in die Ecke Emailfabrikstrasse (links)/ Jahnstrasse(rechts)..

Erfolge in Ausstellungen wurden durch Medaillen prämiert.

Die einzige, die ich noch habe (damals lagen im Ausstellungsraum einige herum), ist diese von 1911 in Turin - schönster Jugendstil:

Nach einem recht guten Geschäftsjahr 1910 , kam es 1912 zur schwersten Krise der Firma, während der ganzen Entwicklung bis 1914 . Ausgelöst wurde sie vor allem durch Schwierigkeiten im Export, da aufgrund der Balkankrise vor allem des Tripoliskrieges zwischen dem Exportland Italien und der Türkei, und gleichzeitiger Unruhen in China und Persien, die Ausfuhr in diese Gebiete fast unmöglich war. Zudem war eine Verteuerung der Produkte unumgänglich, da einmal die Rohstoffpreise stiegen, und zum anderen die Löhne angehoben wurden. Beides verursachte Mehrkosten, die so gedeckt werden mußten um weiterhin gewinnbringend zu produzieren. Die Preiserhöhung führte zu einem Rückgang der Verkaufszahlen und machte sich auch in einem Rückgang der Arbeiterzahl bemerkbar. Zählte die Firma zu Beginn des Jahres 1912 noch 2447 Beschäftigte, so waren es Ende 1912 nur noch 2257.  Als die Krise auch 1913 weiter andauerte, kam es  zu der ersten Arbeiterentlassung der bisherigen Firmengeschichte. Es genügte nun nicht mehr, wie bisher nur das freiwillig gegangene Personal nicht mehr zu ersetzen, sondern der Ernst der Lage erforderte die zwangsweise Ausstellung von Arbeitern.

In einem Artikel der Amberger Zeitung vom 11.12.1951 werden genauere Daten erwähnt. So heisst es dort: Anfang des Jahrhunderts erreichte die Kapazität mit 12-15.000 Stück Geschirre/Tag die höchste Kapazität mit 2200 Beschäftigten.

Allgemeiner Ausfall im Export, verursacht durch die andauernden Krisen auf dem Balkan, sowie die Schutzzollmauern, mit den sich alle Industriestaaten umgeben hatten, vermehrte Ausgaben durch Erhöhung der Löhne, sowie der Steuern und Umlagen, führten 1913 schliesslich zu einem Tiefststand

Das weitgefächerte Artikelspektrum verlangte auch den Besuch von Spezialausstellungen, so 14-31.8.1913 die 5. große Süddeutsche Drogisten-Fachausstellung:

Am 28.9.1913 verstirbt mein Urgroßvater Georg. In der Todesanzeige heisst es “nach langen schweren Leiden”. Genaueres weiß ich nicht. Mein Vater hat mir erzählt, daß im Haus ein Extraraum als Krankenzimmer angebaut wurde. Meine Schwester Susi weiß, dass Georg eine Krankenhausphobie hatte und dass aus diesem Grund dieses Extrazimmer erstellt wurde.
Auffällig sind die Vereine, die ihre Mitglieder zur Teilnahme an der Beerdigung aufrufen (Telefon gibt es noch nicht): Gesangsverein Erheiterung, Allgemeiner Turnverein Amberg, Veteranen- und Kriegerverein, Verein deutscher Waffenbrüder Amber und Umg., Turnverein 1861, Alpenverein, Freiw, Sanitätskolonne, Kriegerbund Amberg und evang. Arbeiterverein.
 
Beim Nachruf wird es einem warm ums Herz: “Sie glauben nicht, wie hart es für einen Arbeitgeber ist, einen um Arbeit bittenden gehen zu lassen und zumal für mich; ich kann doch den Leuten, wenn sie mich um Brot bitten, keinen Stein geben. Sagen sie ihren Kollegen, wenn alle Brot haben ist es doch besser, als wenn ein Teil Fleisch ist und die anderen haben kein Brot für sich und ihre Familien”.

Oskar folgt seinem Vater Georg in die Firma. Der ältere Bruder Hans bevorzugt die militärische Laufbahn. Das offizielle Bild im Hauptbüro, etwa von 1935.

Über das Jahr 1914 und danach, liegen keine weiteren Quellen vor, da mit Kriegsbeginn keine Aufzeichnungen mehr gemacht wurden, oder sie während des Krieges verloren gingen. Der Krieg hat das Unternehmen stark beeinträchtigte und schädigte. Viele seiner ausländischen Niederlassungen wurden während des 1. Weltkrieges zerstört. Ein Beispiel sind die gerade neu gegründeten Handelsniederlassungen entlang der sibirischen Eisenbahn in Rußland, das die Firma gerade dabei war für sich zu erschließen. Durch diese Entwicklung war das Unternehmen nach dem Krieg gezwungen im Exportgeschäft noch einmal mehr oder weniger von vorne anzufangen. Fest steht, daß der 1. Weltkrieg für die Firma "Johann Baumanns Witwe", einen Einschnitt, und das Ende ihrer Prioritätsstellung auf dem Weltmarkt bedeutete.

Georg Baumann mit Frau Helene und den Kindern Kurt und Erich. Das Bild könnte um 1915 entstanden sein.

Aufgrund der vorhandenen Kataloge habe ich mal beispielhaft die Preisentwicklung von 3 Artikeln herausgesucht. Bis 1890 hat wahrscheinlich eine verbesserte Produktivität mit zunehmender Konkurrenz zur Senkung der Preise geführt. Der durch Materialkosten- und Lohnkostenerhöhung erzwungene Preisanstieg im Katalog von 1913 ist enorm: im Schnitt 75% zum Katalog von 1909!
 

Der Hintergrund dürfte die Kriegsinflation sein. (Hintergrund: http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/innenpolitik/inflation/index.html). Die Geldmenge verfünffachte sich zwischen Kriegsbeginn und Kriegsende.
Durch die Sammelaktion “ Gold gab ich für Eisen” wurde auch in in der Bevölkerung Gold gesammelt. Auch die Baumänner beteiligten sich, die Urkunde wurde am 26. März 1918 ausgestellt (Kriegsende war im November 1918). Vielleicht wurde auch bereits vorher gespendet. Die Inschrift am Ring ist: “1914 Vaterlandsdank” und auf der Kette “1916 Gold zur Wehr - Eisen zur Ehr”. Ob die Sammelaktion besonders erfolgreich war, konnte ich nicht recherchieren. Es heißt nur an einer Stelle: “ mit großer Begeisterung tauschten alle Schichten der Bevölkerung”.

Die Anzahl der unterschiedlichen Artikelarten hat sich erwartungsgemäß erhöht im Laufe der Zeit.

Im Katalog von 1909 taucht zum ersten Mal “Leichtgeschirr” auf, das sind die gleichen Artikel aber aus dünneren Blech, und daher günstiger etwa 15%. im Katalog von 1913 kommt zusätzlich die Serie “Extraschwere Geschirre” mit dem etwa doppelten Preis!
Die Vielfalt der Artikel ist unglaublich

Bei den Katalogen war ein kleines Büchlein dabei, das offensichtlich die Konditionen aller Kunden enthält. So steht bei München: Kustermann (den gibt es heute noch) 15 (sehr wahrscheinlich %), bei 2000 kg 18% und bei Waggon 22%. Das Büchlein enthält eine Vielzahl von Städten in Deutschland - also ist es wahrscheinlich eine gute Übersicht aller Eisenwarenhändler in Deutschland... Vom Aussehen des Büchleins her, schätze ich es auf etwa 1910 - leider stehen keine Jahreszahlen dabei.

Am 17.1.1913 wurde die Firma in “Gebrüder Baumann” umbenannt.

Mayrhofer: “1913 sank die Nachfrage und der Umsatz ganz erheblich, der unselige Weltkrieg warf seine Schatten voraus. Im Ausland, besonders in den überseeischen Gebieten traute man sich nicht mehr zu bestellen. Mit dem Eintritt des Weltkrieges wurde das Geschäft ganz unterbunden und nur mit größten Schwierigkeiten und durch die Hinzunahme der Erzeugung von Heeresartikeln konnte es weitergeführt werden. Es stellte an die Leitung die größten Herausforderungen”. Die Art der Heeresartikel ist unbekannt. Die Herstellung von Helmen wird behauptet, aber es gibt keinerlei Beweis oder Hinweis.

In einem Katalog habe ich eine Gewinn-/Verlustrechnung und Bilanz von 1914/15 gefunden. Das ganze ist nur ein Blatt. Leider kann man aus der G+V nicht den Umsatz herauslesen, als Gewinn “Warengewinn” wird 271.031M vor Abschreibung ausgewiesen. Dazu kommt der Ertrag aus den Wäldern, Miethäusern und Hypotheken - das ergibt den Gesamtertrag von 221.156 M. Der Hypothekenbestand wird mit 464.636M angegeben mit einem Ertrag von 17343M, also 3.7% Verzinsung. Die Abschreibung auf Maschinen beträgt 35.173M, während der Anlagewert 262.000M beträgt. Eigentlich wenig, wenn es der Anschaffungswert wäre, wären es doch 7.5 Jahre, im Anlagewert ist ja schon die bisherige Abschreibung berücksichtigt.
Übrigens als Steuer wird 30.367M angegeben - bei dem Ertrag nach Abschreibung wären das 13.7% Steuern.
Die Bilanzsumme beträgt 5.286.621M - der größte Posten ist das Bilanzlager 1.563.887 (vermutlich Warenlager), Aussenstände 570.121, Gebäude 865.000 und schließlich Hypotheken und Darlehen 464.636 (das dürften die Barmittel sein).

1918 wurde eine besondere Kriegsabgabe verlangt. Aus der Bundesfinanzakademie heisst es Erzberger Reformen: “Die Kriegsabgabe vom Vermögenszuwachse (Gesetz vom 10. September 1919) sollte die 1916 eingeführte Kriegsgewinnbesteuerung zum Abschluß bringen. Zu diesem Zweck wurde das Vermögen am 30. Juni 1919 dem am 31. Dezember 1913 gegenübergestellt. Der einen Freibetrag von 5000 Mark übersteigende Vermögenszuwachs wurde mit einer durchgestaffelten Abgabe von 10 bis 100 v.H. belegt.” (Bemerkung 100 v.H. ? heisst das 100% Steuer?)

Im Steuerbescheid zur Kriegsabgabe wird ein “Friedens”.Einkommen von 76.479 M für 1915 angegeben, das stimmt in etwa mit der Bilanz 1915/16 überein, dort wird 61.742 M je Teilhabe angegeben. Als “Kriegs”-Einkommen für 1919.steht dort 813.298 M! Also der 13-fache Gewinn an Kriegsende, das klingt kaum realistisch. “Die umlaufende Geldmenge verfünffachte sich von Kriegsbeginn” bis 1918., DHM.. Das heisst die Gewinnsteigerung ist eine Folge des Wertverlustes der M. Allein in 1919 hat sich der Dollarkurs von Jan 1919 1,49 bis Dez.1919 auf 11,14 RM/US$ bereits versiebenfacht.
Aber immerhin wurde 1918 noch mit Gewinnen gewirtschaftet.

Aus einer ähnlichen Zeit, also vor 1918 kommt dieses Foto, Mein Vater hat Erhard Baumann (1871-1918) gekennzeichnet (unverkennbar mit dunklen Hut).

Ein typischer 100M Schein (1908), der aus der Zeit übrig geblieben ist. Wahrscheinlich waren nach der Inflation die 100 M einfach nichts mehr wert und so wurden sie gesammelt!

 Entwicklung der Mitarbeiter:
Neben der Verwaltungsangestellten “Comptoristen” gab es gelernte Arbeiter und ungelernte. Die ungelernten machten 1906 70% des Personals aus und wurden für bestimme Aufgaben (zb. Emailmüller, Schmelzer, Heizer, Griffmacher, Geschirrannagler, Annieter ..) angelernt. Besonders tüchtige wurden als Meister eingesetzt. Der Anteil der Frauen stieg von 17.5% 1884 auf 39.6% 1901 an. 1892 betrug das Monatsgehalt eine Comptorist 70 Mark, ein durchschnittliches Gehalt eines Arbeiters lag bei 51 Mark.

.Grafisch sieht man die relativ kontinuierliche Entwicklung der Firma in diesen Jahren

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